27. - 28. September

„Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, so dass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“   1.Mose 32,23-29

 

Schon im Mutterleib war es zwischen Jakob und seinem Zwillingsbruder Esau zu Rangeleien gekommen, denn die Bibel berichtet uns: „Und die Kinder stießen sich miteinander.“ Bei der Geburt erwies sich Esau jedoch als der Stärkere von beiden, denn er erblickte das Licht der Welt zuerst. Sein Bruder aber folgte ihm, indem er ihn bei der Ferse hielt, weshalb man ihn „Jakob“ nannte – „Fersenhalter, Beinsteller, Überlister, Betrüger“.

Jahre später versuchte Jakob dann auf listige Weise das Erstgeburtsrecht seines Bruders zu stehlen, wobei er auch nicht davor zurückschreckte, seinen Vater zu belügen und zu hintergehen. Als sein Betrug ans Licht kam, musste er vor seinem Bruder fliehen, sein Zuhause verlassen und in die Fremde ziehen.

 

Am Ziel seiner Reise, in Haran, angelangt, musste Jakob schon sehr bald am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man getäuscht und betrogen wird, denn Laban, sein Onkel, erwies sich in diesem Metier als ein wahrer Experte. Als Jakob schließlich seinen Lohn verlangte, versuchte Laban erneut, seinen Neffen zu hintergehen, denn er betrachtete alles, was Jakob erworben hatte, als sein Eigentum. Jakob sagte: „So habe ich diese zwanzig Jahre in deinem Hause gedient, vierzehn um deiner Töchter und sechs um deine Herde, und du hast mir meinen Lohn zehnmal verändert. Wenn nicht der Gott meines Vaters, der Gott Abrahams und der Schrecken Isaaks, auf meiner Seite gewesen wäre, du hättest mich leer ziehen lassen.“ Am Ende war es allein dem Eingreifen Gottes zuzuschreiben, dass sich beide Männer im Frieden trennten.

 

Doch auch danach konnte sich Jakob nicht zufrieden zurücklehnen, denn schon bald kündigte sich neues Unheil an. Kaum den Ränkespielen Labans entronnen, erfuhr er, dass ihm sein Bruder Esau mit vierhundert Mann entgegenkam. Jakobs Vergangenheit hatte ihn eingeholt! Was anders konnte er dieser Nachricht entnehmen, als dass für seinen Bruder nun der Tag der Abrechnung gekommen war. Auch eine Zeitspanne von zwanzig Jahre hatte ganz offensichtlich nicht ausgereicht, um vergessen zu lassen, was er Esau angetan hatte. Nun würde der kommen und wahr machen, was er einst in seinem Zorn angekündigt hatte – sich rächen und Jakob töten. Vielleicht konnte man Esaus Zorn durch ein großzügiges Geschenk besänftigen. So nahm Jakob von seinen Ziegen, Böcken, Schafen, Widdern, Kamelen, Kühen, Stieren und Eseln und ließ die Herden, eine nach der anderen, seinem Bruder entgegenziehen, um ihn milde zu stimmen.

Schließlich kam die Nacht, in der Jakob seine Frauen, Mägde und Kinder über den Jabbok brachte. Die Bibel berichtet: „... und (er) blieb allein zurück.“

Was würde der nächste Tag bringen? Doch noch während Jakob von düsteren Gedanken geplagt wurde, merkte er plötzlich, dass er nicht allein war – ein Größerer als Esau hatte sich ihm in den Weg gestellt – der Herr des Himmels und der Erde. Und er rang mit Jakob, bis die Morgenröte anbrach. Doch es wird berichtet, dass Jakob nicht zu überwinden war. Erst als ihm der Herr das Gelenk seiner Hüfte verrenkte, war sein Widerstand gebrochen.

In jener Nacht, als ihm Esau mit einer Übermacht entgegenkam, erkannte Jakob, dass er mit seinen eigenen Fähigkeiten am Ende war: Er hatte taktiert und manipuliert, Geschenke entsandt und alles getan, um sein Leben zu retten. Nun konnte er nichts mehr tun! Die Dinge waren ihm aus der Hand genommen. Nun musste er loslassen, was ihm lieb und teuer war, dazu alles, was er mühsam erworben hatte.

Dann aber, als alles seinen Händen entglitten war, hielt er sich verzweifelt an dem Allmächtigen fest und bat ihn: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Danach stellte ihm der Herr die Frage: „Wie heißest du?“ Er antwortete: „Jakob“.

 

Als Gott viele Jahre später Mose im brennenden Dornbusch erschien, sagte er zu ihm: „Ich bin der Gott deines Vaters; der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Kann man glauben, was man hört? Sollte Gott der Gott Jakobs sein, der Gott eines Betrügers, Fersenhalters und Beinstellers? Ja! Ihn hatte der Herr erwählt! Ihn hatte er geliebt! Und an ihm hat er sich herrlich erwiesen!

Was wäre aus dir und mir geworden, wenn Gott nicht der Gott Jakobs wäre? Haben wir nicht auch Menschen oftmals betrogen und hintergangen, um unsere Haut zu retten? Wie oft haben wir getrickst und versucht, uns einen Vorteil zu verschaffen?

Jeder von uns besitzt die Natur Jakobs! So ist es auch nicht verwunderlich, dass unser Denken und Trachten stets auf persönlichen Gewinn gerichtet ist. Doch je mehr wir kämpfen und ringen und dabei andere übervorteilen, umso größer wird unser eigener Schaden sein. Deshalb sagte Jesus: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Am Ende unserer selbstsüchtigen Bemühungen haben wir nicht nur nichts gewonnen, wir haben unserer Seele geschadet und zugleich das Heil und den Segen Gottes verpasst. Davor aber möchte uns der Herr bewahren, denn er ist der Gott Jakobs. Er stellt sich uns in den Weg, um unser Leben zu erretten! Er kann und will nicht zulassen, dass wir andere Menschen überlisten, hintergehen und ausnutzen!

 

Vielleicht hast auch du mit Menschen gerungen und sie besiegt. Und doch kannst du nicht festhalten, was du dadurch gewonnen hast! Du sollst aber wissen, dass Gott dir etwas Größeres zugedacht hat: Er selbst will sich dir schenken! Aus diesem Grund hat er eine „Nacht“ vorbereitet, in der du ihm ganz allein gegenüberstehen wirst. Es wird eine Stunde sein, in der sich alle deine Pläne und Schutzmaßnahmen als wirkungslos erweisen werden. Du wirst loslassen müssen, was du bisher so krampfhaft festgehalten hast. Dann wird Gott dich fragen: „Wie heißt du?“ und du wirst ihm bekennen: Ich bin Jakob, ein Beinsteller und Betrüger.

 

Wahrscheinlich bekannte Jakob dem Herrn seinen Namen sehr kleinlaut, denn damit war kein Ruhm verbunden. Doch wie überrascht muss er gewesen sein, als der Herr ihm antwortete: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“ Die Schrift sagt: „Und er segnete ihn daselbst.“

 

Das Bekenntnis Jakobs ebnete den Weg für den Segen Gottes. Hier, am Jabbok, gab ihm Gott einen neuen Namen: „Gott streitet“!

Jakobs Bemühungen, Esau mit Geschenken gütig zu stimmen, entsprach nicht der Kampfesweise Gottes. Für ihn war es keine große Sache, Esaus Zorn zu besänftigten und ihn friedsam zu stimmen. Doch ihm lag daran, Jakobs Wesensart zu verändern! Deshalb ließ er eine Nacht kommen, in der Jakob alle seine Waffen als unwirksam erkannte. Stattdessen sollte er erkennen, dass Gott selbst für ihn streiten wollte – mit seinen Waffen!

Danach heißt es: „Und Jakob nannte die Stätte Pnuel; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pnuel vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.“

Jakobs Ängste, seine Befürchtungen und die eigene Ohnmacht, dazu die Schuld, seinen Bruder betrogen zu haben, all das, was so schwer auf Jakobs Seele lastete, hatte Gott in dieser Nacht des Ringens weggenommen. Als der Morgen graute, konnte man einen Mann beobachten, der aus dem Schatten der Nacht ins Licht des Tages trat. Doch nicht stolzen Schrittes ging er vorwärts – seine Hüfte war verrenkt. Jakob hinkte und wirkte äußerlich zerschlagen. Doch dann ging die Sonne auf, um alles, was lebt, mit ihren hellen, warmen Strahlen zu erwärmen. Sie erstrahlten einem Menschen, der den allmächtigen Gott, den Herrn des Himmels und der Erde, von Angesicht gesehen hatte und dessen Seele errettet worden war.

 

Ein Mensch, der „am Jabbok“ war und dort mit Gott gerungen hat, kennt seine eigene „Jakobsnatur“. Er weiß auch, dass er sich nicht selbst verändern kann. Deshalb klammert er sich verzweifelt an seinen Erlöser und bittet ihn: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!

Als Menschen in Christus wissen wir, dass wir zwei Naturen besitzen: „Israel“ repräsentiert die neue Natur, die wir empfangen haben – sie ist königlich, siegreich und von edelster Abstammung, denn es ist die Natur Jesu Christi. Deshalb schrieb Paulus den Galatern: „In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur. Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten, – Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes.“

Dort aber, wo Christus uns noch nicht erneuern konnte, dominiert nach wie vor die Natur Jakobs.

 

Als Jakob an jenem Morgen zu den Seinen kam, war er sich der Tatsache bewusst, dass er seinem Bruder nicht allein entgegentreten würde: Gott war an seiner Seite, bereit, für ihn zu streiten. Mehr noch, der Allmächtige hatte sich zwischen ihn und seinen rachsüchtigen Bruder gestellt. Mit dieser Gewissheit stellte sich Jakob nun schützend vor seine beiden Frauen, Mägde und Kinder. Dann ging er seinem Bruder entgegen, indem er sich siebenmal vor ihm verneigte. Doch Esau wollte keine Vergeltung üben. Er lief auf Jakob zu, fiel ihm um den Hals und küsste ihn, wobei beide weinten. Und Jakob bezeugte ihm: „Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht.“

 

Wenn du am „Jabbok“ warst und dort mit Gott gerungen hast, brauchst du dich vor keinem Menschen zu fürchten. Wo du jemand betrogen oder hintergangen hast, kannst du dich nun vor deinem Schuldner beugen und ihn um Vergebung bitten. Du bist nicht länger ein „Fersenhalter“, der seinem eigenen Vorteil nachjagt, du hängst Christus an und bist ein Geist mit ihm! Du weißt, dass Gott selbst für dich streitet! Seinen Segen begehrst du! So überwindest du nicht nur deine Jakobsnatur“, du gewinnst Christus! Und nichts in dieser Welt kann mit diesem Reichtum verglichen werden!

Du wirst auch nicht verzweifeln, wenn dir „Esau“ begegnet, denn Gott streitet für dich! Deshalb kommt dir nicht zuerst das Verderben entgegen, nicht der Tod. Gottes Angesicht erstrahlt vor dir! Seine Gnade, seine Vergebung und seine Liebe leuchtet dir, wie die Sonne in ihrer Pracht.

Du wirst „hinken“ und nicht auf deine eigene Stärke vertrauen. Gott, der Herr, wird dir einen neuen Namen geben! Du wirst „Israel“ genannt werden und ein Zeuge der verändernden Kraft Jesu Christi sein.

 

1.Mose 29,16-35; 30; 31,1-42; 32,1-22; 25,22-34; 27,35-36.41-44; 2.Mose 3,1-6; Ps.135,4; Mal.1,2; Mt.16,26; Gal.6,15-18; 1.Mose 33,1-10; 1.Kor.6,17; 2.Kor.12,9-10

 
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