13. - 14. März

„Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Felsen, dass ich sicher treten kann; er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott. Das werden viele sehen und sich fürchten und auf den Herrn hoffen.“  Psalm 4,2-4

 

Das Zeugnis eines Menschen, der Jesus Christus auf ungewöhnliche Weise erfahren hat, ist nicht nur bewegend, es lässt auch die Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes erkennen und mehrt das Lob und die Danksagung ihm zu Ehren. Gleichzeitig ruft jede Begegnung mit dem Sohn Gottes neuen Glauben hervor, auch bei denen, die davon hören oder lesen. Doch egal, wie kostbar und wertvoll unsere Erfahrungen mit dem lebendigen Gott für uns auch sein mögen, sie dürfen niemals zum Maßstab für andere werden. Wir können und dürfen andere Gläubige nicht an dem messen, was wir selbst mit Christus erlebt haben. Dies könnte dazu führen, dass wir uns über sie erheben und sie verachten. Wie falsch und irreführend ein „Erfahrungsvergleich“ sein kann, soll folgendes Beispiel verdeutlichen:

Jesus heilte viele Menschen, während er auf dieser Erde wandelte. Auch Blinden schenkte er das Augenlicht. Markus berichtet uns, wie Jesus in Jericho einem Mann die Augen öffnete: Er hieß Bartimäus und war ein Bettler. Als er hörte, dass Jesus in die Stadt gekommen war und in seiner Nähe vorbeiging, schrie er: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Daraufhin blieb der Herr stehen. Er ging dem am Boden kauernden Mann nicht entgegen, sondern ließ ihn zu sich kommen. Dann fragte er ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“, worauf der Blinde antwortete: „Rabbuni, dass ich sehend werde.“ Danach wurde ihm sein Augenlicht wiedergegeben.

Ganz anders verhielt es sich bei einem Menschen, von dem uns Johannes berichtet: Er war von Geburt an blind und hatte das Licht der Sonne nie zuvor gesehen. Er schrie nicht wie der Bettler aus Jericho, er bemerkte nicht einmal, dass Jesus in seiner Nähe war. Es war also der Herr, der die Initiative ergriff. Danach tat Jesus etwas Seltsames! Er spuckte auf die Erde und machte daraus einen Brei. Damit bestrich er die Augen des Blinden und schickte ihn zum Teich Siloah, wo sich der Mann wusch. Danach konnte er sehen!

Die Begegnung Jesu mit einem Blinden in Betanien verlief wiederum anders: Mehrere Leute hatten den Herrn gebeten, die Augen eines Kranken anzurühren. Daraufhin nahm Jesus den Mann bei der Hand und führte ihn vor das Dorf. Dort tat er Speichel auf die Augen des Blinden, ohne auf den Boden zu spucken und einen Brei zu machen. Nachdem er seine Hände auf den Mann gelegt hatte, fragte er ihn: „Siehst du etwas?“, woraufhin dieser antwortete: „Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.“ Erst nachdem ihm der Herr erneut die Hände auf die Augen gelegt hatte, konnte der Mann alles klar und deutlich erkennen.

Nehmen wir einmal an, dass sich jene Männer Jahre später beim „Gedenktag der ehemals Blinden und von Jesus geheilten Menschen“ trafen. Wer das menschliche Herz kennt, wird die folgende Unterhaltung nicht als „aus der Luft gegriffen“ abtun.

„Jesus hat mich sehend gemacht!“ jubelt einer der Männer. „Das ist erfreulich. Auch mich hat er geheilt!“, antwortet ein anderer. „Es war ein überwältigender Augenblick, als ich plötzlich, nach Jahren völliger Blindheit, alles klar und deutlich sehen konnte.“ Ein Mann, der in der Nähe steht und das Gespräch der beiden Männer verfolgt hat, lächelt und sagt: „Ich war sogar blind geboren worden. Bis ich Jesus traf, hatte ich noch nie das Tageslicht gesehen. Er schenkte mir ein neues Leben. Und stellt euch vor, bereits einen Tag nach meiner Heilung fand ich Arbeit und konnte meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten. Es war ein erhebendes Gefühl, nicht mehr abhängig zu sein von den Almosen anderer. Dabei war alles so einfach gewesen: Jesus hatte auf die Erde gespuckt und mir den Brei auf die Augen gelegt.“ „Moment mal“, wird er unterbrochen. „Er hat einen Brei auf deine Augen geschmiert? Wieso einen Brei? Bevor er mir seine Hände zweimal auf die Augen legte, hatte er sie lediglich mit etwas Speichel angefeuchtet, danach konnte ich sehen.“ „Halt! Stopp!“, sagt der Erste überrascht. „Du musstest nicht zum Teich Siloah gehen und dich dort waschen?“ „Nein, überhaupt nicht! Und wieso zum Teich Siloah? Ich wurde sehend, ohne dass ich mich waschen musste – Jesus legte mir nur zweimal die Hände auf.“

Der Mann aus dem Städtchen Jericho schüttelt den Kopf: „Seltsam, wie kompliziert das bei euch war. Spucke auf der Erde und in der Hand, Brei auf den Augen, ein Fußmarsch zu einem Teich, um sich dort zu waschen. Und dann hat es bei dir nicht einmal sofort geklappt, Jesus musste seine Hände zweimal auf deine Augen legen, bis du endlich klar sehen konntest. Eine umständliche Prozedur! Bei mir ging alles viel einfacher. Ich schrie laut, warf meinen Mantel ab, sprang auf und kam zum Herrn, der mich fragte, was er für mich tun kann. Natürlich wollte ich nur eins – ich wollte sehen können. Sofort waren meine Augen aufgetan – ohne Spucke, ohne Brei und ohne Gesichtswäsche in einem Teich. Es tut mir leid, aber wenn ich euch so zuhöre, dann drängt sich mir der Eindruck auf, als sei der Grund, weshalb Jesus mit euch derart komplizierte Wege gehen musste, euer Kleinglaube gewesen. Wie sonst kann man verstehen, dass er seine Hand auf deine Augen legte und du danach nur verschwommen sehen konntest? Du dachtest sogar, die Menschen, die um dich herumstanden, wären Bäume.“ „Halt“, versucht sich der Beschuldigte zu rechtfertigen, „vielleicht ist meine Heilung dadurch um einiges gründlicher gewesen und dauerhafter, als deine. Dass mir Jesus die Hand auflegte, zeigt doch, wie intensiv er sich mit meinem Problem beschäftigt hat. Dich ließ er nur deshalb zu sich kommen, weil du nicht mehr aufgehört hast zu schreien, was ich niemals getan hätte. Ich bin ein stiller, kultivierter Mensch. Ich empfinde es als primitiv, wenn ein Mensch laut herumschreit. Mir kam Jesus entgegen! Mich suchte er! Ich war ihm so kostbar, dass er mich sogar mit seiner Hand berührte. Und schließlich hatte ich gute Freunde, die sich für mich einsetzten, während du ganz allein warst. Meine Erfahrung scheint mir demzufolge weit kostbarer zu sein, als die, die du gemacht hast.“

„Egal, wie ihr den Herrn erlebt habt“, schaltet sich nun der ehemals Blindgeborene ein, es reicht nicht an das heran, was ich auf dem Weg zum Teich Siloah erfahren habe. Während ich vorwärts stolperte, war ich mehr als einmal versucht, die mit Spucke vermengte Erde von meinem Gesicht zu wischen. Wozu, so fragte ich mich, sollte dieser Brei gut sein, und wie konnte mir dadurch das Augenlicht wiedergegeben werden? Hatte man je von einer solchen Heilungsmethode gehört? Doch dann erinnerte ich mich seiner Worte: „Geh hin zu dem Teich Siloah und wasche dich!“ In diesem Moment wuchs in mir ein Vertrauen zu dem Mann aus Nazareth, das ich zuvor nicht besaß. Und das ich auch nicht mehr missen möchte! Nur wer, wie ich, den Weg des Bangens und der Zweifel gegangen ist, weiß, wovon ich rede. Ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, meine Begegnung mit Jesus scheint mir diejenige zu sein, die das Leben eines Menschen am nachhaltigsten verändert.“

 

Drei Begegnungen mit Jesus – drei unterschiedliche Erfahrungen, die Menschen mit dem Retter der Welt gemacht haben. Und doch konnte danach jeder von ihnen bezeugen, dass ihm Jesus geholfen und die Augen aufgetan hatte. Und allein darauf kommt es an! Wichtig ist nicht zuerst, wie uns der Herr sehend gemacht hat und welche Mittel und Wege er dazu benutzte. Ausschlaggebend ist, dass wir nun sehend sind und in ihm unseren Herrn und Retter erkannt haben! Wir stecken nicht mehr in der grausamen Grube, sind nicht mehr vom Schlamm und Unrat der Sünde umgeben und werden auch nicht weiter in den Abgrund gezogen. Jesus hat uns bei der Hand ergriffen und errettet! Er hat uns aus der Finsternis in sein Reich versetzt. Unsere Füße stehen auf einem Felsen. Wir sind in Christus geborgen und fest gegründet. Und anstatt den Tag mit einem Lied der Klagen und Sorgen beginnen zu müssen, können wir nun Loblieder singen und uns freuen. Gott hat uns ein neues Lied gegeben. Christus ist bei uns und steht für uns ein. Er ist uns Schirm und Schild. Ihn loben wir. Ihm geben wir die Ehre. Ihm vertrauen wir uns an.

Dieses Zeugnis wird gewiss nicht verborgen bleiben. Viele werden es hören, unserem Beispiel folgen und ebenfalls die Hand des Retters ergreifen und sich mit uns freuen.

 

Über unserem Leben steht mit großen, unsichtbaren Lettern geschrieben: Aus Gnaden erlöst, nicht durch eigene Leistung oder Verdienst! Welchen Sinn macht es dann, wenn wir uns in unseren geistlichen Erfahrungen gegenseitig übertreffen wollen, vermeintliche Unterschiede hervorheben oder den Glauben anderer infrage stellen? Können wir in das Herz eines Menschen blicken? Oder sind wir insgeheim der Meinung, dass der Grund, weshalb sich uns der Herr offenbart hat, doch bei uns selbst zu suchen ist?

Was wollen wir hervorheben, wenn wir uns unserer Errettung erinnern oder anderen von unseren Erfahrungen mit Jesus erzählen? Skizzieren wir dann den Weg, auf dem uns Gott in seiner Barmherzigkeit entgegenkam, oder beschreiben wir die Mittel, die er zu unserem Heil eingesetzt hat? Rühmen wir die Umstände oder die Personen, die der Herr benutzt hat, um unsere blinden Augen aufzutun? Oder wollen wir die grausige Schlammgrube, in der wir einst steckten, bis in den letzten Winkel ausleuchten, damit die Zuhörer auch die schaurigsten Details erkennen können?

Sollten wir unsere Aufmerksamkeit nicht lieber dem Felsen zuwenden, auf dem unsere Füße jetzt stehen? Sollten wir nicht vielmehr den loben, der uns gerettet und zu sich gezogen hat? Wenn wir das tun, singen wir das neue Lied, das Gott in unseren Mund gelegt hat!

Christus war bereit, sein eigenes Leben mit uns Menschen zu vermengen, so wie er es mit seinem Speichel und dem Staub der Erde tat. Wenn er zu uns kommt, ist er der Menschensohn Jesus, der Mann aus Nazareth, der um unsrer Errettung willen unserer Art teilhaftig wurde. Gleichzeitig ist er auch Immanuel – „Gott mit uns“.

Er war es, der uns in „Jericho“, einer fluchbeladenen Stadt, am Wegesrand des Lebens, sitzen sah. Wir hielten Ausschau nach Zufriedenheit und Geborgenheit, bettelten um Gesundheit, Glück und Wohlergehen. Wir warteten auf jemand, der uns versteht, liebt und mit uns fühlt. Und während wir noch um die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Vorbeieilenden buhlten, war Christus plötzlich an unsere Seite getreten. Er hatte den Schrei unseres Herzens gehört und darauf gewartet, unser Bettlerleben beenden zu können. Als seine Worte endlich in unserem Herzen Gehör fanden und wir schließlich vor ihm standen, fragte er uns nach unserem Begehr. Wir wollten sehend werden, endlich ins Licht treten und dem Schatten des Todes entfliehen können. Wir wollten das wahre Leben erfahren und die Kraft seiner Auferstehung kennen lernen. So öffnete er uns die Augen und tat, was kein anderer tun konnte. Nichts von alledem hätten wir je erreichen können – nicht bei all unseren Bemühungen.

Ja, sein Wort war in unserem Ohr, als wir uns aufmachten, um uns im Strom seines vergossenen Blutes zu waschen. Und so wurden wir von unserer Schuld befreit! So wurde unsere Schande abgetan. Wir erlebten das Bad der Wiedergeburt. Doch auf dem Weg zu unserem Heil waren wir nicht allein. Es gab Freunde, die sich für uns vor dem Thron Gottes verwendeten und mit dazu beitrugen, dass der Unrat, der uns umgab, beseitigt wurde, damit wir ihn, den Wunderbaren, erkennen konnten.

Und noch jemand stand uns zur Seite – der Heilige Geist! Er überschattete und begleitete uns auf Schritt und Tritt. Er war es, der an uns arbeitete und um unser Herz warb. Er ließ sich auch von unserer schroffen Ablehnung nicht entmutigen. Ihm haben wir es schließlich zu verdanken, dass der Glaube in uns aufwuchs, der zu unsrer Errettung nötig war. Seinem Wirken ist es zuzuschreiben, dass wir heute Jesus, den Sohn Gottes, unverhüllt und in seiner ganzen Schönheit erkennen können. Es ist nicht unser Verdienst!

Demnach gibt es keinen Grund, sich mit anderen Kindern Gottes zu messen und zu vergleichen. Es gibt auch keinen Grund, andere zu beneiden, denn „wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“. Was haben wir, das wir nicht empfangen haben? Wenn wir es aber empfangen haben, warum tun wir dann so, als hätten wir es uns erarbeitet?

Wichtig ist, dass unsere Augen geöffnet wurden und wir die Herrlichkeit Jesu sehen können! Wer jedoch der Meinung ist, seine Erfahrungen seien größer und wertvoller als die seines Bruders oder seiner Schwester, der lebt noch in der Finsternis. Zu ihm wird der Herr sagen: „Ich rate dir, dass du Augensalbe von mir kaufst, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.“

 

Mk.10,46-52; Joh.9,1-7; Mk.8,22-26; Eph.2,8-9; Mt.1,21.23; Jos.6,26; Tit.3,4-7; 1.Kor.1,31; 4,7; Offb.3,18

 
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