19. - 20. März

„Es kam aber unter ihnen der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte sei. Als aber Jesus den Gedanken ihres Herzens erkannte, nahm er ein Kind und stellte es neben sich und sprach zu ihnen: Wer dieses Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß.“  Lukas 9,46-48

 

Die Jünger waren nun schon viele Wochen und Monate mit Jesus unterwegs. Was sie bisher mit ihm erlebt hatten, war einzigartig und erschien ihnen mitunter wie ein Traum. Gewiss wussten alle, dass sie der Herr nicht erwählt hatte, weil sie besonders begabt waren oder herausragende Fähigkeiten besaßen. Sie waren schließlich einfache Leute, ohne besondere Ausbildung.

Mittlerweile kannten sie einander auch recht gut. Nun wollten sie herausfinden, wer unter ihnen der Begabteste war, der Mutigste und Geschickteste. Wer erfasste die Zusammenhänge am schnellsten? Wer konnte gut reden? Mit wem unterhielt sich der Meister am häufigsten? Wer genoss sein Vertrauen? Es waren Überlegungen, die wir alle kennen: Wer ist der Größte?

Petrus, Johannes und Jakobus sahen sich in der „Rangordnung“ ganz oben stehen. Nur sie hatte der Meister mit auf den Berg genommen. Nur sie hatten seine Herrlichkeit gesehen, als er vor ihnen verklärt wurde. Nur sie hatten die Stimme des Vaters gehört. Nur ihnen waren Mose und Elia erschienen. Wer konnte Größeres vorweisen? Jesus hatte auch nur sie mit in das Haus des Jairus genommen, wo er die Tochter von den Toten auferweckte. Lag es nicht  auf der Hand, wer in der Gunst des Meisters ganz oben stand?

Als Jesus die Gedanken seiner Jünger erkannte, stellte er ein Kind neben sie und sagte: „Wer dieses Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf ... Wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß.“

 

Wie anders ist unser Herr! Während wir nach Größe fragen und um unser Ansehen besorgt sind, stellt er ein Kind in unsere Mitte. Er zeigt uns das Kleine. Er verweist auf das Schwache. Er erwählt das Geringe. Er schenkt seine ungeteilte Aufmerksamkeit dem, was wir für unbedeutend halten.

Wer achtet auf ein Kind, das am Wegrand sitzt, schutzlos und allen? Wer wird seinetwegen innehalten, wer zu ihm gehen. Wer wird sich hinabbeugen und mit ihm sprechen? Wer nimmt sich Zeit, ein Kind zu trösten? Was geht mich das Kind an?, werden sich die meisten fragen. Doch wer von uns ahnt, dass jemand, der ein solches Kind im Namen Jesu aufnimmt, ihn selbst in sein Herz hineinlässt? Vor dir steht nur ein schwaches Kind, vielleicht mit schmutzigen Händen und einem verweinten Gesicht. Doch während du ihm dein Herz öffnest und dich seiner Not im Namen Jesus annimmst, berührst du den lebendigen Gott.

Wir erwarten, dass uns der Herr des Himmels und der Erde auf spektakuläre Art und Weise begegnet. Er aber kommt uns im Unscheinbaren entgegen! War es nicht so in Bethlehem? Wie kam Gottes Sohn zu uns? Waren in den Straßen der Stadt Fanfaren zu hören, als er geboren wurde? War das Fernsehen und die Presse zugegen? Nein! Klein, schwach und hilflos lag der Erlöser der Menschheit, der Herr aller Herren, in einer Krippe.

 

Der lebendige Gott kommt uns nicht in prunkvoller Gestalt und majestätischem Glanz entgegen. Er begegnet uns nicht so, wie er Johannes auf der Insel Patmos begegnete, sodass der Jünger zu Tode erschrocken niedersank.

Wir würden uns geehrt fühlen, würde uns der Bundespräsident die Hand schütteln und einige Worte mit uns wechseln. Doch wenn uns der Schöpfer des Himmels und der Erde, der König aller Könige, in einem schwachen, unscheinbaren Kind begegnen will, erkennen wir ihn nicht. Während wir auf das Außergewöhnliche und Besondere warten, verpassen wir nicht selten das wahrhaft Große, weil Gott uns zumeist im Kleinen und Alltäglichen entgegentritt.

Wer ein Kind im Namen Jesu aufnimmt, nimmt den Auferstandenen selbst auf. Dieser Gedanke entspricht nicht unseren Vorstellungen. Die Welt, in der wir leben, achtet nicht auf das Kleine. Die Schwachen und Unvermögenden gelten hier nicht viel. Wer heute vorankommen und die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen erregen will, muss Großes vorweisen können, muss um die Gunst der Starken und Mächtigen buhlen. Wer hingegen arm und hilflos ist, den wird man bedauern oder verachten. Herausragend in unserer Gesellschaft ist nur der, der etwas zu leisten vermag und seine Konkurrenten übertrifft. Schon für denjenigen, der das Erreichte nur bewahren will, findet sich kein Platz in der ersten Reihe – andere werden ihn schon bald überholen und schließlich ersetzen. Wie aber verhält es sich im Reich Gottes? Gelten hier etwa die gleichen Maßstäbe? Steht auch hier nur im Mittelpunkt, wer klug, fähig und begabt ist und etwas vorzuweisen hat? Gibt es auch hier eine unsichtbare „Karriereleiter“, die man erklimmen muss? Nein!

 

Als das Evangelium, zur Zeit des Apostels Paulus, auch die Griechen erreichte und viele von ihnen in Jesus Christus ihren Erretter erkannten, mussten viele umdenken, die den Verstand des Menschen, seine Intelligenz und Klugheit, bisher als höchstes Gut erachtet hatten. Denen, die „nach Weisheit fragten“ und „kluge Worte“ liebten, schrieb der Apostel Paulus: „Es steht geschrieben: 'Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.' ... Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? ... Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“ Weiter sagte er: „Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft.“

Paulus, ein Mann, dem die Knie zitterten und der nach Worten rang? Gewiss hatten sich die Griechen einen Verkündiger göttlicher Botschaft anders vorgestellt. Doch damit zeigte Gott, dass er den Selbstbewussten und Wortgewandten keinen Vorzug gab. Auch den Fähigen und Begabten schenkte er keine größere Beachtung. Nein! Er rief die Schwachen und Verachteten zu sich. Er erwählte die Geringen und Unvermögenden, um jene zuschanden zu machen, die meinten, etwas zu sein. Und so handelt unser Gott auch heute! Deshalb stellte Jesus ein Kind neben sich und sagte: „Wer dieses Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf … Wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß.“

 

Als eines Tages einige Kinder zu Jesus kommen wollten, stellten sich ihnen die Jünger in den Weg. Die Kinder sollten ihren Meister nicht belästigen. Doch er, der Sohn Gottes, fühlte sich nicht durch sie gestört. Im Gegenteil. Er rief die Kinder zu sich, liebkoste sie, legte die Hände auf sie und segnete sie. Später, als er seinen Jüngern zeigen wollte, mit welcher Gesinnung sie in das Reich Gottes eingehen können, nahm er ein Kind, stellte es mitten unter sie und sagte: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“

Um zu wahrer Größe reifen zu können, brauchen wir die Gesinnung eines Kindes. Wir müssen alles Hohe ablegen. Deshalb sagt Gottes Wort: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.“

Im Reich Christi werden die Letzten die Ersten sein! Hier ist nicht der groß, der sich selbst hervorhebt, sondern der, der sich selbst erniedrigt. Je ärmer und bedürftiger wir uns vor Gott empfinden, umso reicher kann er uns beschenken. Je geringer wir von uns denken, umso größer denkt er von uns. Wenn wir uns selbst erniedrigen, wird er uns zu seiner Zeit erhöhen. Wer heute der Größte sein will, der sei aller Diener – um Jesu willen.

 

Mt.17,1-5; Mk.5,37; Lk.2,6-12; Offb.1,14-17; 1.Kor.1,19-29; 2,1-4; Mk.9,33-37; 10,13-16; Mt.18,1-5; 23,12; Röm.12,16

 
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