23. - 24. Juni

„Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“  Lukas 24,32

 

Die Herzen der beiden Männer waren beschwert. In ihren Augen konnte man tiefe Traurigkeit erkennen. Immer wieder sah man, wie sie den Kopf schüttelten. Ihre Enttäuschung und Ratlosigkeit war mit Händen zu greifen.

Noch vor einer Woche war Jesus in ihrer Mitte gewesen. Und wie sicher waren sie sich damals, dass er der Erretter war, von dem alle Propheten geweissagt hatten. Auf ihn hatten sie gehofft und fest damit gerechnet, dass er den Thron Davids wieder aufrichten und Israel zu früherer Größe verhelfen würde. Nun aber waren sie völlig verwirrt. Nichts von alledem, was sie erwartet hatten, war eingetroffen. Stattdessen war Jesus in Jerusalem gefangen genommen und gekreuzigt worden. Und mit ihm alle Hoffnungen, die sie in ihn gesetzt hatten.

Während sich die Männer ihrem Wohnort, Emmaus, näherten, gesellte sich ihnen ein Fremder hinzu, der zunächst nicht viel sagte, dafür aber umso interessierter ihrer Unterhaltung lauschte. Schließlich fragte er: „Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“ Die Bibel berichtet uns: „Da blieben sie traurig stehen.“ Sie konnten nicht verstehen, dass es einen Menschen gab, der nicht wusste, was vor wenigen Tagen in Jerusalem geschehen war. Sie hingegen wussten nicht, wer mit ihnen redete – Jesus, der auferstandene Herr und Retter der Welt. Die Schrift sagt: „Ihre Augen wurden gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten.“

 

Man stelle sich vor: Jesus war auferstanden. Er hatte die Dunkelheit des Grabes hinter sich gelassen und die Macht des Todes überwunden. Satan und seine finsteren Mächten hatten ihn, den Fürst des Lebens, nicht überwinden können. Die Sünde der ganzen Welt war gesühnt. Gott und Mensch waren miteinander versöhnt. Der Weg zum Thron der Gnade war frei. Jeder, der wollte, konnte nun das ewige Leben empfangen. Erniedrigung und Schmach lagen hinter Jesus. Er war in seine Herrlichkeit eingegangen und hatte den Namen empfangen, der über allen Namen ist.

Was aber tat der siegreiche Triumphator in den Stunden, in denen die Engel Gottes sangen und jubelten? Ließ er sich von ihnen feiern? Wollte er von den Strapazen seiner Leidenszeit ausruhen? Nein! Er kam erneut in unser Jammertal, um zwei Entmutigte aufzurichten und zu trösten. Um ihnen die Augen zu öffnen! Jesus ging mit ihnen spazieren. Dabei hielt er eine Bibelstunde, denn wir lesen: „Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der Schrift von ihm gesagt war.“

 

Hätte der Herr den beiden Jüngern nicht auf spektakulärere Weise erscheinen können? Warum kam er nicht in Lichtgestalt, machtvoll und eindrucksvoll, sodass die Zweifelnden vor ihm in den Staub fielen? Warum zeigte er ihnen nicht einfach seine durchbohrten Hände? Warum ging er mit ihnen, ohne sich zu erkennen zu geben? Warum fragte er sie, obwohl es für ihn keine Fragen gab?

Jesus öffnete seinen Jüngern die Schrift, indem er ihnen zeigte, was darin von ihm geschrieben stand. Er erinnerte sie aber auch an das, was er ihnen zuvor schon gesagt hatte. Und das ist es, was Jesus auch heute tut! Während unsere Augen verständnislos rückwärtsgewandt oder sorgenvoll in die Zukunft gerichtet sind, will er unseren Blick auf sein ewiges, unwandelbares Wort richten. Während wir nicht verstehen, warum dieses oder jenes geschieht, will er uns daran erinnern, wer er ist, was er für uns getan hat und was er uns sein will. Während unser Herz so schwerfällig ist und wir nicht glauben können, dass er in eben diesem Moment als Haupt über alles herrscht und regiert, gesellt er sich uns hinzu, begleitet uns auf unserem Weg, damit wir seinen Weg erkennen können, den er mit uns gehen will.

 

„Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“

Hier könnte der biblische Bericht enden, doch die Augen der beiden Emmausjünger waren zu diesem Zeitpunkt immer noch blind. Obwohl ihre Herzen brannten, als Jesus ihnen die Schrift öffnete, erkannten sie ihn noch nicht. Etwas Wichtiges fehlte noch!

 

Inzwischen hatten die beiden Männer ihren Wohnort erreicht. Jesus tat so, als wollte er weitergehen. Sie aber drängten ihn: „Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ Erst als sie miteinander am Tisch saßen, Jesus das Brot brach und dafür dankte, wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn.

 

Zu spüren, dass unser Herz brennt, wenn von Jesus geredet wird, ist eine kostbare Erfahrung. Doch dadurch wird unser Herz noch nicht erneuert. Dies geschieht erst in der innigen Gemeinschaft mit Christus – im Einswerden mit ihm. Gib dich daher nicht damit zufrieden, nur zu hören, was die Schrift von Jesus sagt. Komm zu ihm und lade ihn ein, dich innerlich zu erfüllen, bis er dein ganzes Sein durchdringt und in dir „Gestalt gewinnt.“

 

Wir, die wir an Christus glauben und ihn in unser Herz und Leben aufgenommen haben, dürfen wissen, dass er in uns Wohnung gemacht hat und in uns lebt. Deshalb müssen wir ihn nicht bitten, bei uns zu bleiben. Vielmehr muss unser Bestreben sein, in ihm zu bleiben. Erst in der Teilhabe an Christus erfüllt sich unsere Bestimmung. Dies war es, was der Herr seinen Jüngern zeigen wollte, als er das Brot vor ihren Augen brach. Er war gekommen, um seinen Leib brechen zu lassen, damit wir an ihm teilhaben und durch ihn leben können.

 

Wie schnell erfahren wir, dass es in unserer Seele „Abend“ wird und Dunkelheit hereinbricht. Doch gerade dann ist es nötig, dass wir uns Jesus zuwenden und ihn bitten, dass er sich uns innerlich hinzufügt. Es genügt nicht, nur zu wissen, dass in ihm die ganze Fülle der Gottheit wohnt – wir müssen von seiner Fülle nehmen, was uns jetzt gerade fehlt.

 

Nachdem der Herr den beiden Emmausjüngern erschienen war, gingen sie nicht etwa schlafen. Nein! Sie machten sich auf, um wieder nach Jerusalem zu eilen. Dort berichteten sie den anderen Jüngern, wie sie Jesus erkannt hatten, als er das Brot mit ihnen brach.

 

Bist du bereit, alles Eigene zurückzustellen, wenn dir der Herr einen Menschen zeigt, der entmutigt ist und dessen Augen die Herrlichkeit Jesus nicht sehen können? Denke daran, was Jesus am Tag seiner Auferstehung tat. Erinnere dich an das, was ihm am Wichtigsten war: Er nahm sich Zeit und suchte die Gemeinschaft mit zwei Betrübten. Er hörte ihnen zu. Dann öffnete er ihnen die Schrift und zeigte ihnen, was darin von ihm gesagt wird. Dasselbe kannst auch du tun! Vertraue dem Herrn, der in dir lebt und gegenwärtig ist, dass er die Augen der Blinden zu öffnen vermag. Und wenn du das Haus eines Entmutigten verlässt, dann wisse, dass der „Gott allen Trostes“ dort bleiben wird, um seine Herrlichkeit zu offenbaren. Er kann bewirken, dass das Licht des Lebens hell erstrahlt – auch wenn es „Abend“ wird – und Menschen aufsehen zu ihm, dem Anfänger und Vollender ihres Glaubens. Ihm ist nichts unmöglich!

 

Jh.5,39-40; Gal.4,19, Jh.15,4-5; 1.Jh.4,9; Jh.1,16; 2.Kor.1,3-4; Hebr.12,2

 
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