29. - 30. Mai

Da zog er weiter und grub noch einen anderen Brunnen. Darüber zankten sie sich nicht, darum nannte er ihn: ‚Weiten Raum’ und sprach: Nun hat uns der Herr Raum gemacht, und wir können wachsen im Lande.“ 1. Mose 26,22

 

Streitigkeiten und Anfeindungen unter Kindern Gottes gehören zweifellos zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die ein Christ machen kann. Dabei sollte doch, gemäß den Worten Jesu, die brüderliche Liebe das Zeichen sein, an dem die Welt erkennen kann, dass wir Jesus angehören und ihm nachfolgen.

In seinem Gebet offenbarte uns Jesus, was die Gläubigen befähigt, eins zu sein. Er sagte: „Vater ... Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“

 

Auch Paulus ermahnte seine Adressaten mehrfach, einmütig und eines Sinnes zu sein. Gleichzeitig tadelte er diejenigen, die in der Gemeinde Spaltungen verursachten. Der Apostel war sich der Tatsache bewusst, dass eine Gemeinde, die uneins ist und mit sich selbst im Streit liegt, Christus nicht verherrlichen kann. Sie wird früher oder später bitteren Verlust erleiden.

Doch wie können wir dazu beitragen, dass die Herzen der Gläubigen in herzlicher Liebe zusammengefügt werden? Und wie können wir die Gefahr mindern, dass es in unserer Mitte zu Streitigkeiten und Anfeindungen kommt?

 

Die Bibel berichtet uns, dass es auch zur Zeit Isaaks heftige Auseinandersetzungen gab. Anlass dafür waren die Wasserquellen, die in Zeiten der Trockenheit und Dürre lebensnotwendig waren. Abraham hatte zu Lebzeiten einige Brunnen graben lassen, die die Philister später wieder zugeschüttet hatten. Als Isaak in jener Gegend sein Zelt aufschlug, ließ er nicht nur diese Brunnen wieder ausgraben, er ließ auch an anderer Stelle nach Wasser suchen, um seine großen Viehherden tränken zu können. Das Wasser, das man daraufhin fand, war „lebendiges Wasser“, weil es einer sprudelnden Quelle entsprang. Das aber führte zu erbittertem Streit zwischen den Hirten Isaaks und denen, die in jener Gegend wohnten. Sie behaupteten nämlich: „Das Wasser ist unser.“

Den Brunnen, der zum Ärgernis geworden war, nannte Isaak „Zank“. Ein anderer Brunnen, den er daraufhin ausheben ließ, war erneut hart umkämpft. Ihn nannte er „Streit“. (Das hier gebrauchte Wort „Sitna“ bedeutet auch „Anfeindung“ und hat denselben hebräischen Wortstamm, wie der Name Satans, was erkennen lässt, wer der Verursacher jeden Streits ist.)

 

Zuerst müssen wir Gott, dem Vater, dafür danken, dass er zu allen Zeiten Männer und Frauen fand, die in der Gluthitze ihrer Tage „Brunnen gruben“ und kostbare göttliche Wahrheiten aufdeckten, die dem Volk Gottes Jahrhunderte vorenthalten worden waren – und das, obwohl sie dafür oftmals einen hohen Preis zahlen mussten.

Wie aber ist es dann möglich, dass wir, wie damals jene Hirten, eine Quelle lebendigen Wassers, durch die sich Gott allen Menschen offenbaren will, für uns beanspruchen, um daraus einen persönlichen Vorteil zu ziehen?

 

Jede Wahrheit, die uns die Herrlichkeit Jesu offenbart, ist für uns eine Quelle lebendigen Wassers. Jede Wahrheit aber, die Christus nicht zum Mittelpunkt hat, kann schnell zu einem Brunnen werden, der Zank und Streit bewirkt. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir, wie die Gläubigen in Korinth, bestimmte Diener Christi bevorzugen. Dann haben wir nicht mehr den Herrn der Diener vor Augen, sondern die Diener des Herrn. Gleiches geschieht, wenn wir die Gaben des Herrn in den Mittelpunkt stellen und nicht den Herrn der Gaben. Auch wenn wir plötzlich nur noch die Gemeinde des Herrn hervorheben und nicht mehr den Herrn der Gemeinde, kann es zwischen uns und anderen Gliedern des Leibes Christi zu Anfeindungen kommen.

Deshalb darf keine Erkenntnis, die uns die Bibel vermittelt, Christus überragen – wie kostbar sie uns auch erscheinen mag. Paulus betonte sogar, dass Erkenntnis, ohne Christus, aufbläht und nur Stückwerk ist.

Weil Jesus selbst die Verkörperung des Wortes Gottes ist, die personifizierte Wahrheit, das Ja und Amen jeder Gottesverheißung, muss er auch der Inhalt und die Wirklichkeit jeder Wahrheit sein, die wir glauben oder verkündigen. Getrennt von ihm bleibt alles leer und ohne Inhalt – auch die Bibel. Erst als Jesus seinen Jüngern offenbarte, „was von ihm geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen, öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.“

 

Es sind aber nicht nur unterschiedliche Erkenntnisse, die Christen entzweien. Unfrieden und Uneinigkeit sind vielfach auch die Folgen geistlicher Unterernährung. Der Schreiber des Hebräerbriefs fordert uns deshalb auf: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann ... und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden.“

So wie Christus jede Erkenntnis überragen muss, so muss er auch in unseren Herzen alles überragen – unsere Gedanken, unsere Gefühle und unseren Willen. Dann, und nur dann, stehen wir im Genuss der Gnade Gottes. Füllt er unser Inneres jedoch nicht aus, werden wir schnell unzufrieden. Das führt dazu, dass der Friede Christi unser Herz nicht mehr regiert. Wenn wir dann unseren Mund öffnen, werden wir den, der uns zuhört, durch unsere Bitterkeit verunreinigen. Deshalb müssen wir immer darauf achten, dass wir geistlich gut genährt sind und in Christus volles Genüge haben, denn nur so sind wir fähig, zum Frieden in der Gemeinde beizutragen.

Zum Streit wird es früher oder später auch dann kommen, wenn wir uns selbst in den Mittelpunkt stellen und groß sein wollen. Wenn wir unsere eigenen Ambitionen aber kreuzigen und bereit sind, „der Letzte zu sein von allen und aller Diener“, können wir nicht zur Ursache von Zerwürfnissen werden.

 

Isaak war ein friedliebender Mann, keiner, der die Konfrontation suchte und auf sein Recht pochte. Er wollte nicht jeden Tag mit Streitereien konfrontiert werden. Deshalb lesen wir: „Da zog er weiter und grub noch einen anderen Brunnen. Darüber zankten sie sich nicht, darum nannte er ihn 'Weiter Raum' und sprach: Nun hat uns der Herr Raum gemacht, und wir können wachsen im Lande.“

 

Indem wir Christus in unserer Mitte hoch erheben und neben ihm nichts anderes gelten lassen, genießen wir das erquickende Lebenswasser, das dem Brunnen „Weiter Raum“ entströmt. Dann fühlt sich auch der Kleinste und Geringste in unserer Mitte nicht benachteiligt, teilt er doch mit uns dasselbe Erbe, genießt mit uns dieselbe Fülle und hat Zugang in demselben Geist, in dem auch wir zum Vater kommen. Dann aber, wenn Christus in unserer Mitte alles und in allen ist und nur sein Name hoch erhoben und gepriesen wird, dann, wenn wir alle seine Herrlichkeit sehen, liegt vor uns eine Weite, die jedem von uns den Raum bietet, den wir für ein gesundes geistliches Wachstum benötigen. Wir können gedeihen und uns ausbreiten, wie es Christus gefällt.

Unsere Herzen, die zuvor eng waren und nur auf sich selbst bedacht, werden, wenn wir Christus vor Augen haben, weit und geräumig. Dadurch kann nicht nur Christus in uns Wohnung machen, wir werden auch befähigt, diejenigen aufzunehmen, die ihm angehören. Diese Tatsache bezeugte auch Paulus, denn er schrieb an die Philipper: „… weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt.“

 

Weil Jesus allen, die an ihn glauben, seine Herrlichkeit geschenkt hat und jeden von uns so liebt, wie ihn sein Vater liebt, gibt es auch keinen Grund, neidisch oder eifersüchtig zu sein. Und selbst wenn wir Fehler machen und einander zum Anstoß werden, muss uns dies nicht voneinander trennen. Wir alle wissen, dass wir nicht in uns selbst gerecht sind, sondern dass uns Christus seine Gerechtigkeit zurechnet und uns vergibt, wenn wir gefehlt und versagt haben. Dies zu wissen, befähigt uns, auch denen zu vergeben, die an uns schuldig wurden.

Wir können einander vergeben, wie Christus uns vergeben hat. Indem wir das kostbare Blut Jesu preisen, durch das wir geheiligt sind, stoßen wir auch den „Verkläger der Brüder“ aus unserer Mitte, den Vater jeder Entzweiung, der unsere Einmütigkeit ständig zu zerstören sucht.

 

Wenn wir zum Frieden beitragen wollen, dürfen wir auch nicht mit Schuldzuweisungen umgehen, dürfen nicht, wie die Schrift sagt, „mit Fingern zeigen“. Wer „Wege ausbessern“ und „Lücken zumauern“ will, der sollte nicht zuerst anklagen und Missstände aufzeigen, sondern bereit sein, das darzureichen, was ihn selbst ernährt und gestärkt hat – sein „Brot“. Ein Mensch, der davon überzeugt ist, im Recht zu sein, wird jede Kritik als hart und ungerecht empfinden – als einen Stein, nicht als nährendes Brot. Willst du also jemand zur Einsicht und zur Umkehr bewegen, solltest du ihn dein Herz finden lassen und den, der darin wohnt. Deshalb nannte Paulus „Ermahnung in Christus, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, herzliche Liebe, Barmherzigkeit und Demut“ als unverzichtbare Voraussetzungen, um einmütig und eines Sinnes zu sein.

Wer „hungrig ist, arm, blind, bloß und ohne Obdach“, dem hilft es nicht, wenn du ihm seinen eigenen Zustand vor Augen führst. Nähre den Hungrigen, lass ihn etwas von der Herrlichkeit Jesu sehen, tröste und kleide ihn mit ewiger Wahrheit, „führe ihn ins Haus“, in die liebenden Arme seines himmlischen Vaters. Das war es, was Jesus tat, als er unter uns Menschen lebte. Und das ist es, was er auch heute durch uns, die Glieder seines Leibes, tun will.

 

Lerne den Brunnen kennen, bei dem Zank und Streit enden. Finde Frieden und volles Genüge in den Armen Jesu. Erfahre „Weiten Raum“. Der Herr wird dich „immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

 

 

Jh.13,34-35; 15,12+17; 17,22-23; Röm.12,16; Phil.2,2; 1.Kor.1,10-12; Mt.12,25; Kol.2,1-2; 1.Kor.3,3-4; 8,1; 13,9+12; Offb.19,13; Jh.14,6; 2.Kor.1,20; 3,14; Lk.24,27.44-45; Hebr.12,14-15; Mk.9,33-35; Kol.3,13; 1.Mose 26,12-22; Eph.2,18; Kol.3,11+17; 2.Kor.6,11-13; Phil.1,7; Offb.12,10-11; Phil.2,1-3; Jes.58,7-12

 
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