Mir blieben nur zwei Monate Zeit. Danach musste ich eine Entscheidung treffen, die meinen weiteren Lebensweg bestimmen würde. Was sollte ich nach meiner Bundeswehrzeit tun? In mein Elternhaus zurückkehren? Doch wer würde mir in meiner Heimatstadt helfen, im Glauben zu wachsen? Und wo fände ich dort eine Gemeinde, in der mir Jesus so nahegebracht wurde, wie in Kaufbeuren?

 

Meinen Eltern hatte ich in einem Brief von meiner Bekehrung berichtet – begeistert und voller Freude. Eine Antwort erhielt ich nicht. Daher rief ich zu Hause an. Mein Vater war am Telefon. „Habt ihr meinen Brief erhalten? Was sagt ihr dazu?“, fragte ich ihn. Seine Antwort war schroff und abweisend: „Lass den Unsinn und komm nach Hause“. Mehr sagte er nicht. Mit einem Satz hatte er alles wegzuwischen versucht, was mir kostbar und wertvoll geworden war.

 

Als ich schließlich zu Hause ankam, war mir klar, dass ich an diesem Ort keine Unterstützung auf meinem neuen Weg finden würde. Im Gegenteil: Ablehnung schlug mir entgegen. Hier galt das, was mir das Wichtigste im Leben geworden war, nichts. Als ich meinen Eltern erklärte, dass ich mich zu einer dreijährigen Bibelschulausbildung entschlossen hatte, sagte mein Vater: „Wenn du diesen Weg gehst, bist du für uns gestorben!“ Ich kniete in meinem Zimmer nieder und legte mein Leben erneut in die Hände Jesu. Obwohl mir zu jener Zeit das Wort des Psalmisten nicht vor Augen stand, weil ich es nicht kannte, erfuhr ich dennoch, wovon er sprach, als er sagte: „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf“ (Ps.27,10). Während mir Tränen über die Wangen liefen, fühlte ich mich doch in den Armen meines himmlischen Vaters geborgen. Ich wusste, dass ich keine Wahl hatte. Ich konnte und wollte nicht mehr in mein altes Leben zurück. Es gab nur einen Weg – ich wollte Jesus besser kennenlernen und ihm dienen. Gleichzeitig wusste ich, dass der Herr mich aufgenommen hatte! Ich gehörte ihm! Meine Zukunft lag in seiner Hand! Ich brauchte mich nicht zu sorgen!

 

Mein Vater wollte mir das Geld nicht geben, das ich benötigte, um mit meinem Koffer zum Bahnhof zu gelangen. Meine Mutter drückte es mir beim Abschied in die Hand. So verließ ich mein Elternhaus: schweren Herzens und doch getrost und voller Erwartungen.

     

Wie war der Wunsch zu einer Bibelschulausbildung in mir gereift? Zwei Erlebnisse waren hierfür ausschlaggebend:

Kurz, nachdem ich zum Glauben gekommen war, fand ein Bibelwochenende statt. Der Prediger, den man dafür eingeladen hatte, wollte uns den Epheserbrief nahebringen. Er begann seine Ausführungen mit den Worten: „Den Schlüsselvers dieses Briefes finden wir im ersten Kapitel. Hier heißt es in Vers drei: ‚Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.’ Die Segnungen Gottes sind mit einer Schatzkammer zu vergleichen, in der unermessliche Reichtümer verborgen liegen. Wir stehen nun davor und wollen durch die Tür gehen, um sie zu erkunden.“

 

In den folgenden Stunden und Tagen öffnete uns der Bibellehrer die Schrift in sehr eindrücklicher Weise. Ich saß auf meinem Stuhl und wusste nicht, wie mir geschah. Ich kam mir vor wie ein Träumender. Staunend erkannte ich, welche tiefen Geheimnisse in Gottes Wort verborgen waren. Und immer klarer stand mir ein Wunsch vor Augen: Ich wollte die Bibel kennen, wie dieser Prediger sie kannte. Ich wollte mit Gottes Wort vertraut sein, wie er es war.       

Als ich nach einer Versammlung darüber mit einem jungen Mann sprach, der Praktikant einer Bibelschule war, antwortete er mir: „Wenn du die Bibel kennenlernen willst, dann musst du eine Bibelschule besuchen.“

 

Als ich einige Wochen später in der Bibel las, rüttelten mich folgende Verse auf: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr! Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte. Wie lange liegst du, Fauler! Wann wirst du aufstehen von deinem Schlaf? Ja, schlafe noch ein wenig, schlummre ein wenig, schlage die Hände ineinander ein wenig, dass du schlafest, so wird dich die Armut übereilen wie ein Räuber und der Mangel wie ein gewappneter Mann“ (Sprüche 6,6-11).

 

Ich war tief berührt! Ja, das waren Worte, die mir galten. Ich spürte, dass mich der Herr in meinem Entschluss stärken wollte. Die Zeit, um zu lernen und zu sammeln, war jetzt! Ich sollte sammeln, was mir für mein weiteres Leben von großem Nutzen sein würde. Ich sollte mir einen Vorrat an heilsamen Worten bereiten. Jetzt war nicht die Zeit auszuruhen und sich zurückzulehnen. Jetzt war die Zeit, dem Mangel vorzubeugen, der eines Tages ganz gewiss kommen würde, wenn ich diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen ließ. Wie ein gewappneter Krieger würde mich die geistliche Armut überfallen, wenn Gottes Wort nicht reichlich in meinem Herzen wohnen würde. Ich wollte auch nicht darauf warten, bis ein Mensch kommt, der mir die Schrift öffnet. Ameisen warten nicht auf den Befehl eines Oberen, sie sind nicht von „Fürsten“ abhängig, die ihnen bei jedem Schritt Anweisungen geben und sagen, wo es langgeht.

So wurde mir klar, dass ich mir Zeit nehmen musste, um Gottes Wort kennenzulernen und zu verinnerlichen. Ich würde mir Brot des Lebens bereiten und Speise in der Ernte sammeln! Und so kam es, dass ich sechs Monate nach meiner Bekehrung Student einer Bibel- und Missionsschule wurde.

 
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