Von neuem geboren

Es war der 25. Juli 1967, etwa gegen 21 Uhr: Ich war gerade von der Tanzfläche zurückgekehrt und völlig verschwitzt. Während ich mich an einem kühlen Getränk labte, bemerkte ich einige junge Leute, die von Tisch zu Tisch gingen und Zettel verteilten. Im Lokal war es unruhig geworden. In der Hand eines Mannes glaubte ich, eine Bibel erkannt zu haben. "Was habt ihr hier zu suchen? Das passt nicht hierher!", rief ich ärgerlich über einige Tische hinweg. Eine junge Frau bemerkte mich und kam zu mir. "Glauben Sie an Gott und wissen Sie, dass Jesus für die Sünden der Welt gestorben ist?", fragte sie mich. Als ich bejahte, war sie verblüfft und wusste nicht mehr weiter. So rief sie: "Siegmar, komm doch bitte einmal her." Es war ihr Ehemann, der sich daraufhin zu mir setzte und mich freundlich anschaute.

 

"Darf ich Ihnen zwei Fragen stellen?" "Aber ja doch!", erwiderte ich. Dieser Mann würde mich nicht in Verlegenheit bringen können. "Haben Sie das ewige Leben?" Ich war überrascht und wusste keine Antwort. "Sie besitzen es nicht, denn sonst wüssten Sie es", stellte er ruhig fest. "Wohnt der Heilige Geist in Ihnen?" Auch diese Frage konnte ich nicht beantworten. "Er wohnt nicht in Ihnen, denn sonst wüssten Sie es", entgegnete er mir, immer noch lächelnd und gar nicht vorwurfsvoll. Dann erzählte er mir seine Lebensgeschichte: Sein Vater war  Unternehmer in Hamburg. Doch er hatte in seinem Leben keinen Sinn gesehen. Immer wieder hatte er alles hingeworfen, war er von zu Hause abgehauen und mit nur einer Bahnsteigkarte in der Tasche von Stadt zu Stadt gezogen. Damals sei er ein Sklave der Spielsucht gewesen.

 

Mit Macht zog es ihn ins Casino, wo er sein Geld verprasste. Als er dann auf einer Party, die er selbst organisiert hatte, ein junges Mädchen kennerlernte, das ebenso haltlos und orientierungslos war wie er, dauerte es nicht lange und beide standen vor dem Traualtar. Doch wie böse wurde das Erwachen für die junge Frau, als sich ihr Mann schon bald aufmachte, um ihre bescheidene Barschaft am Spieltisch zu verschleudern. Auch ein Ortswechsel brachte keine Veränderung, die junge Ehe war, kaum dass sie begonnen hatte, schon am Ende. Dann aber, so berichtete er mir weiter, standen er und seine Frau, als sie eines Tages durch die Straßen von Salzburg schlenderten, vor einem Plakat. Hier lud ein Evangelist zu einem Vortrag über die Bibel ein. Spontan entschloss man sich, der Unterhaltung wegen, diese Veranstaltung aufzusuchen. Doch wie überrascht war die junge Frau, als sich ihr Mann nach dem Aufruf des Predigers von seinem Platz erhob und nach vorne ging, um sein Leben Jesus Christus zu übergeben. Seither, so bezeugte mir mein Gegenüber, habe sich sein Leben Stück für Stück zum Besseren verändert. Auch das seiner Frau, denn auch sie habe ihr Herz dem Sohn Gottes geöffnet, als sie die Veränderungen im Leben ihres Mannes bemerkte.

 

"Wissen Sie", sagte er plötzlich, "der Unterschied zwischen uns beiden ist folgender: Wenn ich sterben werde, werde ich in den Himmel kommen, wenn Sie aber sterben, werden Sie in der Hölle sein. Und warum? Weil Sie Jesus Christus nicht in Ihr Herz und Leben aufgenommen haben. Die Bibel aber sagt, dass nur der das ewige Leben besitzt, der an den Sohn Gottes glaubt." Ich war schockiert und verblüfft, wusste aber kein Gegenargument vorzubringen. Dann aber geschah etwas Seltsames: In meinem Innern begann ein Kampf. Zwei Parteien schienen in meiner Brust heftig miteinander zu streiten. Eine Stimme sagte: "Warum lässt du dich so verrückt machen? Bei dir ist doch alles in bester Ordnung. Beende das Gespräch!" Eine andere Stimme aber riet mir: "Genau das ist es, was du brauchst. Danach hast du dich doch immer gesehnt. Hier ist die Wirklichkeit, die dir fehlt." Ich kann es nicht erklären, doch plötzlich spürte ich ein Verlangen, das wuchs und immer größer wurde. Ich wollte das wahre Leben kennen lernen! Und wenn dieses Leben in Jesus Christus zu finden war, dann wollte ich ihn erleben. Der Wunsch meines Herzens entlud sich in einem inneren Schrei, in einem Gebet: "Herr Jesus", sagte ich, "wenn du wirklich lebst und an mir interessiert bist, dann will ich dich erfahren."

 

"Was muss ich tun, um gerettet zu werden?", fragte ich den jungen Mann. "Komm, lass uns von hier verschwinden und eine nahegelegene Wohnung aufsuchen. Dort werden wir gemeinsam beten und Du wirst Jesus Dein Leben übergeben." Ich erhob mich! Nichts konnte mich jetzt zurückhalten. Ich nahm mir nicht einmal mehr die Zeit, das Getränk zu bezahlen, das vor mir stand. Stunden später kam ich zurück, um meine Rechnung zu begleichen.

 

Neben mir hatte ein junger Soldat unser Gespräch aufmerksam verfolgt. Wir kannten uns gut und hatten einiges zusammen erlebt. Er kam aus Frankfurt und war mit dem Zuhältermilieu vertraut. Ich hatte festgestellt, dass ihm nichts heilig war. Nun aber erhob auch er sich und wollte das Lokal mit uns verlassen. "Pinki", sagte ich zu ihm, "diesen Schritt solltest Du Dir gut überlegen." Ich ahnte, dass unsere Entscheidung weitreichende Folgen haben würde und dass man sie nicht leichtfertig treffen durfte." Er aber beharrte darauf, mitgehen zu wollen.

 

So dauerte es nicht lange und wir knieten beide in einem fremden Wohnzimmer auf dem Boden nieder, um zu beten. "Sprecht mir einfach nach", sagte Siegmar. So betete ich: "Herr Jesus, ich bin ein Sünder und brauche deine Vergebung. Danke, dass du für mich gestorben bist. Komm in mein Herz. Ich nehme dich jetzt als meinen Herrn und Retter in mein Leben auf." Ein einfaches Gebet, doch jedes Wort kam aus meinem Herzen!

 

Die Wohnung, zu der wir gefahren waren, gehörte einem Mann, der anwesend war und das Geschehen mit großem Interesse verfolgte. Er hieß Albrecht und leitete die örtliche Gemeinschaft. Sein Herz brannte für Jesus. Mit gütigen Augen schaute er uns an.

 

Bereits mit sechzehn Jahren hatte ich angefangen, zu rauchen. Zuerst waren es nur wenige Zigaretten gewesen, dann aber wurden es immer mehr. Nachdem ich das Rauchen einige Zeit aufgegeben hatte, fing ich beim Militär wieder damit an. Was aber geschah, als ich an jenem Abend, nachdem ich mein Leben in die Hand Jesu gelegt hatte, nach meiner Zigarettenpackung griff? Mir war, als schien jemand zu sagen: "Das passt jetzt nicht mehr zu dir!" Keiner der Anwesenden hatte ein Wort gesagt oder mich schief angesehen - es war der lebendige Gott, der in mir reagierte. Das war eine Erfahrung, die ich zuvor so noch nicht gemacht hatte. Und plötzlich öffneten sich meine Lippen. Ich erzählte aus meinem Leben, erkannte Zusammenhänge und stellte fest, dass Gott schon lange darauf gewartet hatte, bis er mich endlich an sein Vaterherz drücken konnte. Ein Sünder hatte Buße getan, ein verlorener Sohn war nach Hause gekommen. Noch vor wenigen Stunden war ich tot gewesen, fern dem Leben, das aus Gott kommt. Nun aber war ich ins Vaterhaus gekommen und zum wahren Leben hindurchgedrungen!

 

An jenem Abend ging ich mit "Pinki" zur Kaserne zurück. Vor dem Tor gab es eine kleine Imbissstube, in der wir noch eine Cola tranken. Und hier traf ich eine Entscheidung, die mein weiteres Leben bestimmen sollte. Ich sagte: "Ich will durch die ganze Welt wandern und Menschen von Jesus erzählen."

 

In meiner Stube angekommen, stellte ich fest, dass meine Kameraden noch unterwegs waren. So legte ich mich in mein Bett und ließ die Ereignisse der letzten Stunden an mir vorüberziehen. Plötzlich konnte ich nicht anders - vor Freude biss ich heftig in mein Kissen. Ich spürte eine tiefe innere Geborgenheit und war gewiss, dass mir Gott meine Schuld und meine Verfehlungen vergeben hatte. Auch war ich mir sicher, dass ich von nun an niemals mehr alleine sein würde. Gott hatte mir ein neues Leben geschenkt. Ich war von neuem geboren worden!

 

Am nächsten Morgen setzte ich mich an den großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand und schlug mein Neues Testament auf, das man mir am Abend zuvor geschenkt hatte. Die Augen meiner Kameraden wurden groß und größer. Sie standen um mich herum und wussten nicht, was sie von mir denken sollten. Schließlich sagte einer: "Du machst doch Quatsch." "Keineswegs", gab ich ihm zur Antwort, "ich habe gestern Abend Jesus mein Leben übergeben."

 

Meine Bekehrung wurde in der ganzen Kompanie bekannt. Schließlich ließ mich der Kompaniechef zu sich rufen. "Gewehr," sagte er, "Sie bringen mir ja die ganze Kompanie durcheinander. Was ist denn mit Ihnen geschehen?" So konnte ich auch meinem Vorgesetzten von der Gnade Gottes berichten.

 

 

Der Herr ist mein Hirte

 
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